Belohnung statt Bedrohung

Einleitung

Dieser Artikel basiert auf dem SCARF Modell [1] und wurde inspiriert durch einen Artikel von Veronika Kotrba und Ralph Miarka [2]. Es beschreibt die Bedürfnisse des Menschen und wie sie im beruflichen Kontext erfüllt werden können bzw. was passiert, wenn die Bedürfnisse vernachlässigt werden. Außerdem wird beschrieben, wie die agile Methode Scrum sich hier einordnet.

Wenn das Belohnungssystem (reward) des Menschen aktiviert wird, gelangt er in den “hin-zu”-Status (approach state). Dies führt zu mehr Engagement, Menschen tun schwierigere Dinge, gehen mehr Risiken ein, denken tiefer und entwickeln neue Lösungen. Damit verbunden sind positive Gefühle, Interesse, Glück (happiness, joy) und Verlangen. Wird hingegen das Bedrohungssystem (threat) aktiviert, führt es zu einer Vermeidungshaltung „weg-von“.

Wie kann das Belohnungssystem des Menschen im beruflichen Umfeld „gefüttert“ werden? David Rock [1] beschreibt die folgenden 5 Dimensionen:

  • Status
  • Certainty (Sicherheit)
  • Autonomy (Selbstbestimmtheit)
  • Relatedness (Zugehörigkeit, Verbundenheit) sowie
  • Fairness (Gerechtigkeit)

Scrum wurde u.a. von Jeff Sutherland [3] entwickelt und ist eine Methode, Software-Entwicklungs-Teams effizient(er) zu machen und den agilen Entwicklungsprozess [4] zu unterstützen.

Status

Der Status im beruflichen Umfeld beschreibt die Wahrnehmung unserer relativen Wichtigkeit, unsere „Seniorität“ gegenüber anderen Menschen. Wer von Aktivitäten ausgeschlossen wird, fühlt einen Statusverlust. Positives Feedback hingegen erhöht den Status. Menschen, die lernen und sich verbessern dürfen, können dadurch ihren erlebten Status erhöhen. Wenn dann die persönliche Weiterentwicklung im Team beachtet und wertgeschätzt wird, umso besser. Auf der anderen Seite bringen Performanz Reviews das Risiko mit sich, einen potentiellen (gefühlten) Statusverlust zu bewirken. Dem kann entgegengewirkt werden, indem die Person sich selbst einschätzen darf und damit Einfluss darauf erhält, ihre relative Position in ihrer Community zu bestimmen. Im Scrum besteht täglich die Möglichkeit, seinen eigenen Status im Vergleich zu den anderen Team-Mitgliedern zu justieren.

Sicherheit

Menschen benötigen Sicherheit. Veränderungen können zu Unsicherheit führen. Im Change Management besteht eine der großen Herausforderungen darin, die Sicherheit stückweise zu erhöhen. Dies ist Aufgabe von Managern, Consultants und Vorgesetzten. Durch die Erstellung von Business Plänen wird die Strategie beschrieben, nachlesbar und damit greifbarer. Das Zerlegen komplizierter und komplexer Projekte in kleinere, überschaubarere Schritte klärt Erwartungen. Implizite Konzepte explizit zu machen, erhöht die Sicherheit. Dies kann bereits die Ankündigung eines Zeitpunktes sein, zu dem weitere Informationen vorliegen. Im Scrum wird der Team-Status täglich in Standup (kurzes Meeting im Stehen) abgeglichen und so Sicherheit für die Arbeiten des nächsten Tages erhalten. Bei aufgetretenen Problemen wird schnelle Hilfe im Team vermittelt. In den Sprint-Meetings wird die Strategie der nächsten Wochen kommuniziert anhand des Backlogs (Anforderungsliste). Für mich stellt sich bei diesem Thema die Frage der Langzeitperspektiven. Wie sehen Sie das?

Selbstbestimmtheit

Hier geht es darum, die individuell gefühlte Wahl zu haben. Unentrinnbare Situationen werden von Menschen als negativer Stress empfunden. Aussteiger entfliehen ihrem Berufsleben, um ihrem Bedürfnis nach größerer Autonomie gerecht zu werden, auch wenn sie dadurch Gehaltseinbußen hinnehmen müssen. Die Selbstbestimmtheit am Arbeitsplatz kann durch viele Maßnahmen erhöht werden: Die Gestaltungsfreiheit über den eigenen Arbeitsplatz, den eigenen Arbeitsprozess (workflow), die selbstbestimmte Verfügung darüber, wann und wo gearbeitet wird, all dies bietet Raum für Autonomie und Kreativität. Die Möglichkeit eines Menschen, in seinem Kompetenzbereich Entscheidungen treffen zu können, ohne den Vorgesetzten fragen zu müssen oder dessen Intervention zu fürchten, ist ein Zeichen für Selbstbestimmtheit. Dies in Organisationen zu verankern ist keine einfache Aufgabe. Im Scrum bestimmt das Team selbst, wie es die Arbeiten durchführt. Ein Scrum-Master schützt das Team vor den direkten Durchgriff des Product Owners (der für das Produkt inhaltlich verantwortlich ist) und ermöglicht die Selbstbestimmtheit des Teams. Hindernisse werden vom Scrum Master beseitigt.

Zugehörigkeit

Jeder Mensch fühlt sich sozialen Gruppen verbunden. Dieses ist notwendig für sichere menschliche Kontakte innerhalb dieser Gruppen und in andere Gruppen hinein. Wem Zugehörigkeit fehlt, ist einsam. Wenn ein Mensch vom Fremden zum Freund wird, schüttet der Körper das Bindungshormon Oxytocin aus. In der globalisierten Welt ist die positive Verbindung zu anderen Menschen ein wichtiger Management-Faktor. Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Kulturen kann harte Arbeit sein. Das Teilen persönlicher Informationen wie Geschichten, Fotos oder Seiten in sozialen Netzwerken erhöht die sichere Kommunikation zwischen Menschen, die sich selten oder nie von Angesicht zu Angesicht treffen. Mentoring und Coaching sind Instrumente, um die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu erhöhen. Kleine Gruppen erleichtern das Zugehörigkeitsgefühl. Wer auf der Arbeit einen besten Freund/Freundin hat, fühlt sich verbundener, wie die Gallup-Studie [5] beschreibt. Scrum Teams sind von überschaubarer Größe und bieten z.B. mit Pair programming eine gute Möglichkeit, wie Team-Mitglieder voneinander lernen können.

Gerechtigkeit

Fairness ist für viele Menschen wichtig. Menschen sind bereit, ehrenamtlich tätig zu sein, um die Welt ein klein wenig gerechter zu machen. Notwendig im beruflichen Kontext sind hierfür Transparenz, Verbindung und Verbindlichkeit, die Menschen einbeziehen in die Dinge, die im Beruf für sie wichtig sind. Klare Erwartungshaltungen in allen Situationen können hier helfen. Egal, ob es sich um ein einstündiges Meeting oder einen Fünfjahresvertrag handelt. Teams sollten ermächtigt werden, ihre eigenen Regeln zu definieren. Auch „grass root“ Entscheidungen sollten möglich sein: Das Team bestimmt, wie die Arbeitslast verteilt wird und wer welche Arbeiten übernehmen kann. Team Commitment nennt sich dies im Scrum.

Zusammenfassung

Das Scarf Modell erklärt Faktoren für das psychische Wohlbefinden des Menschen und welche Herausforderungen sich im beruflichen Kontext für Führungskräfte daraus ergeben. Scrum ist eine agile Methode zur Software-Entwicklung und deckt die Bedürfnisse des Scarf Modell ab.

Hier noch ein Tipp für Menschen, die Anderen etwas „bei-bringen“ möchten:

  • Tell people what you are going to tell them (ich bringe Dir mit …)
  • Tell them (und wähle aus, was aus meinem Portfolio heute für Dich interessant ist)
  • Tell them what you have told them (ich habe Dir gebracht …)

Literatur

[1] SCARF – a brain based model for collaborating with and influencing others, David Rock in Neuro Leadership Journal, 2008

[2] Konfliktbewältigung, Veronika Kotrba und Ralph Miarka, iX Kompakt IT Projekte 4/2015

[3] Scrum: The Art of Doing Twice the Work in Half the Time, Jeff Sutherland, August 2015

[4] agile manifesto, http://www.agilemanifesto.org/

[5] Gallup Engagement Index Deutschland 2014, Marco Nink, http://www.gallup.com/de-de/181871/engagement-index-deutschland.aspx

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