Scrum4One

Christine Hennig

Kurzfassung

Selbst im Vollzeit-Homeoffice unter Corona-Lockdown Bedingungen kann ich eine agile Methode auf meine individuelle Situation anpassen und agil arbeiten.

Was ist eigentlich Scrum?

Gedränge versus Abstand?

Scrum kommt aus dem Rugby und bedeutet Gedränge. Das Team trift sich unmittelbar vor dem Spiel, steckt die Köpfe zusammen und kungelt eine Strategie für das bevorstehende Match aus.

Gedränge in Zeiten der Pandemie? Die informellen Gespräche unter Kollegen fallen weg. Die Kaffeemaschine steht zuhause in der Küche und ich treffe maximal die Katze dort. Wir alle spüren die Vereinsamung und vermissen Sozialkontakte.

In der Vergangenheit hatte ich gute Erfahrungen mit Scrum im Team und als Scrum Master gesammelt. Das ist ein reichhaltiges Reservoir an agiler Erfahrung. Ich werde die Team-Scrum Methode also nur ein wenig auf meine aktuellen Verhältnisse anpassen. Scrum für mich selbst als Einzelperson zu adaptieren ist mein individueller Versuch, dem Corona-Blues Einhalt zu gewähren.

Ich beginne wie üblich zu recherchieren, ob jemand schon die gleiche Idee hatte. In meinen Notizen findet sich “SoloScrum”, “Scrum of One” und “Scrum4One” als potentielle Suchworte. Ich werde fündig, z.B. bei [1], ein sehr lesenswerter Artikel. Diese Idee ist also definitiv nicht (nur) von mir.

Die Rollen im Scrum bestreite ich alle selbst.
Ich bin also meine eigene Scrum Expertin ebenso wie meine eigene Product Ownerin.

Worum es bei Scrum geht

  • Tue, was Du kannst mit dem, was Du hast.
  • Sorge für fortlaufende Selbstreflektion.
  • Arbeite auf klar definierte, kurzfristige Ziele hin.
  • Plane und arbeite in Sprints (kurzen Zyklen).

Frei übersetzt aus [2]

Retro- und Per-Spektiven

Ich liebe Retrospektiven – der berühmte Blick zurück nach vorn. Ziel ist, bisherige Erfahrungen praktisch zu nutzen. Dazu sind in regelmässigen Intervallen folgende Leitfragen zu beantworten.

  • Was lief gut?
  • Was war nicht so gut?
  • Welche Maßnahmen ergreife ich für die Zeit bis zur nächsten Retro?
  • Welche Maßnahme vom letzten Mal lasse ich lieber wieder bleiben? (Ab der zweiten Retro)

Visuelle Unterstützung

Eine kurze Bilder-Recherche nach Retrospektive liefert einen ganzen Strauß an Methoden, um die Antworten auf obige Fragen hervorzuholen.

Positiv/Negativ

Der Klassiker

  • ‘:-)’ gut
  • ‘:-(‘ nicht so gut
  • Läßt sich noch erweitern durch: Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen ziehen

continue, start, stop

Hat mir besonders gut gefallen

  • ‘>’ Anfangen (Start / Add)
  • ‘»’ Weitermachen (Continue / Keep)
  • ‘|’ Aufhören (Stop / Drop)
  • Läßt sich noch würzen mittels: Verbessern (Improve)

Starfish Game

Habe ich erfolgreich probiert. Dabei werden sechs Positionen auf einem Rad platziert.

  • Weiter so
  • Danke sagen
  • Nicht mehr machen
  • Mehr davon
  • Weniger davon
  • Anfangen zu machen

Starfish Game ist eine gute Abwandlung, damit es nicht so langweilig wird, sich jede Woche exakt die gleichen Fragen zu stellen.

Nimm Zwei

Gefällt mir gut, es ist eine positiv und in die Zukunft formulierte Abwandlung des Klassikers für Einzelpersonen.

  • One to make me happy
  • One to make me more productive

Nimm Zwei zielt auf ein positives Ergebnis und sollte schnell gemacht sein. Dabei wird weniger in die Vergangenheit geblickt, als auf die Zukunft fokussiert.

maßgeschneidert maß-nehmen

Zwei Veränderungen sollen in die neue Woche mitgenommen werden. Das ist für eine Person realistisch und kann im Alltag dennoch eine Herausforderung darstellen. Immerhin gilt es, Gewohnheiten zu verändern, um bessere Gewohnheiten einzuüben.

Als Scrum Master im Team hatte ich wochenweise Freiwillige gebeten, eine einzelne Maßnahme vorübergehend zu adoptieren und in der kommenden Woche besonderes Augenmerk darauf zu richten. Die Person darf sich die Maßnahme selbstverständlich aussuchen. Die Idee stammte von einem Team-Mitglied. Das funktioniert auch prima mit der Adoption der agilen Prinzipien. [3]

Play the Planning Game again

Mich selbst agil planen – dazu gehört erst einmal ganz viel Luft:

  • Spielraum für Unvorhergesehenes.
  • Spielraum für Kundenwünsche, Tagesgeschäft, unerwartete Termine.

Wichtig: Die Planung selbst benötigt zwischen 10 und 30% der Gesamtzeit.

Granularität der Planung

Meine Sprints dauern eine Woche. Ich plane gern in Einheiten von maximal halben Tagen.
Für eine gute Planung muss ich die Aufgaben mindestens auf eine solche Größe herunterbrechen.

Das klassische Projektmanagement kennt dafür den Begriff Work-Breakdown-Structure.
Im Scrum gibt es 3 bzw. 4 Hierarchien:

  • Epos / Story / Task
  • Theme / Epos / Story / Task

Detaillierung der Planung

Je dichter ich fachlich an der Abarbeitung einer konkreten Arbeitseinheit bin, desto präziser kann ich sie formulieren und ihre Dauer schätzen.

Eine Präzise Formulierung hilft mir, die Arbeit konkret abzugrenzen.

  • Was gehört dazu? => Umfang der Arbeit skizzieren
  • Was gehört nicht dazu? => ggf. weitere Tickets schreiben
  • Wann ist diese Arbeit fertig? => Definition of Done

Bin ich nicht in der Lage, zu formulieren, wann die Arbeit erledigt ist, bekomme ich ein Problem in der Abarbeitung. Ich werde “nie” fertig. Darum ist es so wichtig, sich darüber klar zu werden, was genau eine Arbeitseinheit umfassen soll. Diese Detail-Planung ist fachlich-inhaltlich. Niemand kann sie mir abnehmen, denn ich bin die Expertin für die zu planende und durchzuführende Tätigkeit. Ich empfinde die Feinplanung nicht als lästig, sondern als geeignet, mir selbst klar zu werden, was genau ich da eigentlich tun möchte.
Die Detailplanung ist einer der Gründe, warum so viel Zeit mit der Planung draufgeht. Sie zahlt sich immer aus, denn sie bewahrt mich auch davor, mich zu verrennen und dadurch u.U. viel mehr Zeit zu verbrennen.

Schätzen

Keine Zeit-Planung ohne Schätzen.

Leichter als absolutes Schätzen ist relatives Schätzen: Aufgabe A benötigt mehr Zeit als Aufgabe B.
Oder Schätzen mit Fehlerbalken: Aufgabe A benötigt mindestens 2h, im Worst Case jedoch 6h.
Hier zahlt sich aus, dass die Arbeiten möglichst konkret definiert sind. Ich kann nur Arbeiten schätzen, deren Umfang einigermaßen klar umrissen ist. Story Points für eine Person benutze ich nicht.

Halbgares

Trotz sorgfältiger Planung gibt es immer mal wieder Tickets, die sich einfach nicht abarbeiten lassen wollen, weil zu viele Unklarheiten bestehen. Wenn ich immer alles schon vorher wüßte …
Dann helfen mir folgende Strategien:

  • Aufteilen: Kann ich Teile der Arbeit in eigenen Tickets auslagern?
  • Spike: Kann ich eine Spike-Story definieren, deren Ziel lediglich darin besteht, die weitere Vorgehensweise zu klären?
  • Timeboxing: Kann ich mich für einen fest vorgegebenen Zeitraum in das Thema vertiefen und dann hoffentlich mit Zwischenergebnissen wieder auftauchen?
    • nächste mögliche Schritte (bilden Erinnerungshaken, wenn ich später wieder dort aufsetzen will, wo ich aufgehört habe)
    • weiterhin zu klärende Aspekte
    • K.O.-Kriterium für Abarbeitung gefunden

Dies alles wird natürlich (in den Tickets) dokumentiert.

SMARTes INVESTment

Stories sollten “invest” sein:

  • I – Independent
  • N – Negotiable
  • V – Valuable
  • E – Estimable
  • S – Small
  • T – Testable

Tasks sollten “smart” sein:

  • S – Specific
  • M – Measurable
  • A – Achievable
  • R – Relevant
  • T – Time-boxed

Zahlreiche Tipps dazu finden sich in der Grafik in [4], die sich in vielen Varianten im WWW findet. Ich empfehle, unbedingt einen intensiven Blick darauf zu werfen. Definitiv einen eigenen Artikel wert.

Ticketsystem

Ich mag das haptische Element.
Mein Ticketsystem für die Wochen-Planung ist daher analog:

  • Ein Stapel Papier-Zettel + Stifte
  • Eine Pinnwand + Pins

Die Pinnwand ist in Wochentage eingeteilt. Mein “Burndown Chart” ist ersetzt durch einen Nagel in einem Brett, auf den ich die abgearbeiteten Zettel aufspieße. Das macht Spaß und der Stapel wächst. Meine Pinnwand hängt so, dass ich jederzeit zu ihr rübersehen kann, sie jedoch normalerweise ausblende.

Daily Standup

Die eigenen Arbeiten hängen von anderen Arbeiten, Personen, Ressourcen o.ä. ab. Der Management-Klassiker schlechthin. Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum Arbeiten auf Vorrat geplant werden müssen und nicht einfach losgelegt wird.
Zum Glück haben wir tägliche Video-Sitzungen. Dort kommen diese Dinge zur Sprache, um:

  • direkt geklärt zu werden
  • auf einen bestimmten Zeitpunkt verschoben zu werden
  • die zugehörige Arbeit zurück auf den Stapel (ins Scrum Backlog) zu verschieben

Rückblick

Im Dezember 2020 habe ich mit Scrum4One begonnen. Ich bin seitdem sehr zufrieden mit meiner Selbst-Führung. Der Corona-Blues zu Beginn des 2. Lockdowns mit Vollzeit-Homeoffice ist in weiten Teilen einer inneren Ausgeglichenheit gewichen. Die Arbeitszufriedenheit ist gewachsen und stabiler. Ich mache dann mal so weiter von Woche zu Woche.

Referenzen

[1] https://www.raywenderlich.com/585-scrum-of-one-how-to-bring-scrum-into-your-one-person-operation

[2] https://www.infoq.com/news/2015/02/personal-scrum/

[3] https://agilemanifesto.org/principles.html

[4] https://agileforall.com/how-to-split-a-user-story/

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